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Die Illuminaten - wer sie wirklich waren

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In zahlreichen modernen Verschwörungstheorien spielen die Illuminaten eine bedeutende negativ besetzte Rolle. Dabei werden Mythen wiedergegeben und verbreitet, die mit der historischen Erscheinung der Illuminaten in keinster Weise zusammenhängen.

Vieles von dem, was heute über die Illuminaten dargestellt wird, beruht auf den Fantasien von Romanschriftstellern oder gar von Ideologen, die damit ihr eigenes Weltbild begründen.
Wir untenehmen hier den Versuch, die historischen Illuminaten, ihre Geschichte und ihr Wirken - soweit dies in der gebotenen Kürze möglich ist - darzustellen.

Am 1. Mai 1776 gründete Adam Weishaupt (geb. am 6. Februar 1748 in Ingolstadt; gestorben am 18. November 1830 in Gotha) im bayrischen Ingolstadt den Orden der Illuminaten zunächst unter dem Namen "Bund der Perfektibilisten".
Der Philosoph und Rechtswissenschaftler, der selbst eine Jesuitenschule besucht hatte entwickelte sich zum Gegner der Jesuiten und nahm mehr und mehr liberale und republikanische Ideen an.
So sollte der Orden der Illuminaten den Werten von Humanismus und Aufklärung verpflichtet sein. Durch Erziehung zum Guten sollte das Böse zurückgedrängt und der absolutistische Staat überflüssig gemacht werden.
Symbol des Bundes war die Eule der Minerva als Sinnbild der Weisheit.
Weishaupt schrieb 1782 in seiner Rede an die neu aufzunehmenden Illuminatos dirigentes:

„Wer also allgemeine Freyheit einführen will, der verbreite allgemeine Aufklärung: aber Aufklärung heißt nicht Wort- sondern Sachkenntniß, ist nicht Kenntniß von abstracten, speculativen, theoretischen Kenntnissen, die den Geist aufblasen, aber das Herz um nichts bessern.“

Wichtigstes Mittel für Weishaupts Ziele war also die Bildung, insbesondere die Bildung des Herzens, die sittliche Bildung.

Prominente Mitglieder des Ordens waren unter anderem Goethe, Herder und Freiherr von Knigge.
Besonders Knigge schaffte es, den Illuminaten zahlreiche neue Mitglieder zuzuführen. Zu Beginn der 1780er Jahre kam der Orden in 70 verschiedenen Städten des Reichs auf 1500 bis 2000 Mitglieder, welche zu rund einem Drittel zugleich Freimaurer waren.
In der Folge kam es zu Machtkämpfen zwischen Weishaupt und Knigge, die dazu führten, dass sie beide von einem 1784 durchgeführten Kongress aufgefordert wurden, ihre Machtpositionen aufzugeben.
Der bayrischen Staatsregierung waren die Bestrebungen, die überkommene Ordnung zu verändern, ja durch Unterwanderung der öffentlichen Ämter einen "Vernunftstaat" zu errichten suspekt. (W25) Dennoch konnte von einer realen Gefährdung des bayrischen Staates durch den „Bücherwurm Weishaupt und seine Kameraden, Utopisten im guten wie im lächerlichen Sinne“ keine Rede sein, doch „die Herausforderung an die alten Mächte war freilich auch in dieser handzahmen Form noch zu stark“. (R26) Tatsächlich handelte es sich bei den meisten MItgliedern eher um zweitrangige Akademiker. Auch bedeutendere Aufklärer jener Zeit, wie Schiller, Lessing, Kant u.a. blieben dem Bund fern.

Verbot und Verfolgung

Am 22. Juni 1784 verbot Kurfürst Carl-Theodor alle „Communitäten, Gesellschaften und Verbindungen“, die ohne seine „landesherrliche Bestätigung“ gegründet worden waren. Dazu gehörten natürlich auch die Illuminaten. Am 2. März 1785 erließ der Kurfürst ein weiteres Edikt, in dem diesmal die Illuminaten und die Freumaurer namentlich als landesverräterisch und religionsfeindlich benannt und ausdrücklich verboten wurden.
Es kam zu Haussuchungen und Beschlagnahmungen, bei denen der Regierung wichtige interne Informationen in die Hände fielen.
Immerhin war es den Illuminaten gelungen, wichtige Staatsorgane mit eigenen Leuten zu besetzen. Dies dürfte sicher mit ein Grund dafür sein, dass trotz des Verbots kein Ordensmitglied eingesperrt wurde. (K28)
Hinzu kam, dass im selben Jahr auch Papst Pius IV die Mitgliedschaft im Orden als unvereinbar mit dem katholischen Glauben bezeichnete.
Mitglieder der Illuminaten verloren ihre Ämter und/oder flohen.
Weishaupt floh zunächst nach Regensburg und dann nach Gotha, wo er als Hofrat am Hofe Herzogs Ernst eine Stelle bekam. (S35)
Hier schrieb er eine Serie von rechtfertigenden Arbeiten über den Orden, darunter Vollständige Geschichte der Verfolgung der Illuminaten in Bayern (1785), Schilderung der Illuminaten (1786), Apologie der Illuminaten (1786) und Das verbesserte System der Illuminaten mit allen seinen Einrichtungen und Graden (1787). 1808 wurde er zum auswärtigen Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ernannt. Die Initiative für seine Ernennung ging von Montgelas aus. Mit ihm stand Weishaupt in regelmäßigem brieflichem Kontakt. Für die Akademie spielte Weishaupt insoweit eine gewichtige Rolle, als sein radikal aufklärerisches Gedankengut von vielen Akademiemitgliedern geteilt wurde. (E34, S. 154)

Bode versuchte zunächst die Idee der Illuminaten durch Nachfolgeorganisationen und Bündnisse z.B. mit Weimarer Minervalkirche und dem Orden der unsichtbaren Freunde am Leben zu erhalten. (S35)

Als durch ein weiteres Verbotsedikt 1787 aber selbst die Rekrutierung von Mitgliedern für die Freimaurer und Illuminaten gar unter die Todesstrafe gestellt wurde, gab auch er seine Bemühungen auf, nachdem es zu einem massiven Verfolgungsklima gekommen war.

Die Illuminaten als Verschwörer?

Schon kurz nach der französischen Revolution versuchte der ehemalige Jesuit Abbé Barruel nachzuweisen, dass nicht etwa die andauernde Unterdrückung des Dritten Standes, die Verbreitung der Ideale der Aufklärung, die Missernte des Vorjahres und das schlechte Krisenmanagement König Ludwigs XVI. die Revolution ausgelöst hätten, sondern die Illuminaten. (vgl auch hier) Hierfür führte er vor allem drei Belege an:

  • Erstens seien fast alle bedeutenden Führer der Revolutionäre Freimaurer. Die umstandslose Gleichsetzung von Freimaurern und Illuminaten ist aber falsch.
  • Zweitens existierte in Frankreich kurz vor der Revolution tatsächlich eine Freimaurerloge, die sich – ganz ähnlich wie Weishaupts Orden – „Les Illuminés“ nannte, „die Erleuchteten“. Dass diese Gruppe aber sehr klein und wenig einflussreich war, störte ebenso wenig wie die Tatsache, dass die französischen „Illuminés“ eher einer mystischen Richtung anhingen und mit der Radikalaufklärung à la Knigge und Weishaupt nichts im Sinn hatten.
  • Drittens war bekannt geworden, dass Johann Christoph Bode 1787 nach Paris gereist war. Zweck seines Aufenthalts, der nur vom 24. Juni bis zum 17. August währte, war aber keineswegs die Auslösung der Revolution: Bode war vielmehr zu einem Freimaurerkonvent eingeladen, der aber bei seiner Ankunft schon beendet war.

Der These, hinter der Französischen Revolution stünden die Illuminaten, fehlt jede Grundlage. Dennoch wurden Barruels und Robisons Werke große Erfolge – ihre Verschwörungstheorien haben bis heute ihre Faszination für viele rechtsradikale Publizisten und Gruppierungen nicht verloren. (P13, S. 247ff)

Weishaupt wird von Rechtsextremisten und vor allem rechtskonservativen Kreisen in den USA, wie z.B. der John-Birch-Society, unterstellt, er habe George Washington ermordet und dessen Platz eingenommen. Auch die britische Faschistin Nesta Webster, Des Griffin und Jan Udo Holey benutzen die Illuminaten gerne als Synonym für die globale Verschwörung, die letztlich den Juden zugeschrieben wird. So wird z.B. auch verbreitet, Weishaupt sei Jude gewesen und er habe das Neue Testament Satans, die Protokolle der Weisen von Zion geschrieben.

Zahlreiche heute unter Verschwörungstheoretikern insbesondere im Internet unter sog. Wahrheitssuchern kursierende Behauptungen über die Illuminaten basieren im Wesentlichen auf der Romantrilogie von Robert Shea und Robert Anton Wilson, die eine hervorragende Parodie auf derartige Verschwörungstheorien darstellt, was die "Truthers" freilich nicht als solche erkennen, sowie auf dem Thriller von Dan Brown. Auch der vorgenannte "Austausch Washingtons" wird in der Illuminaten-Trilogie verarbeitet.

Symbolik

Auch die immer wieder gern von den Truthern als Illuminaten-Symbol dargestellte Pyramide lässt sich historisch nicht dem Illuminatenorden zuordnen. Dieser hatte als Symbol ausschließlich die Eule der Minerva.verwendet.

Insbesondere die Tatsache, dass sich diese Pyramide als angebliches Symbol auf dem US-Dollarschein findet gilbt den Verschwörungstheoretikern heftige Nahrung.
Tatsächlich hat die Pyramide und die auf dem US-Siegel enthaltene Symbolik mit den Illuminaten nichts zu tun.

Das Auge über der Pyramide - angeblich der allsehende Luzifer - ist in Wirklichkeit ein klassisches christliches Symbol für die Dreifaltigkeit Gottes.

Die unfertige Pyramide symbolisiert die Tatsache, dass sich die USA damals im Aufbau befanden und sich als unvollendet verstanden.
Auch die immer wiederkehrende 13 im Siegel und auf dem Dollarschein ist nicht etwa eine mystische Zahl der Illuminaten, sondern der Tatsache geschuldet, dass die USA von 13 Staaten gegründet wurden:

* 13 Kugeln (Die Verzierung am linken und rechten Rand)
* 13 Sterne (Oberhalb des Adlers)
* 13 Schattierungen (das Schild)
* 13 Blätter (Der Zweig im linken Fuß)
* 13 Pfeile (Im rechten Fuß)
* 13 Pyramidenstufen.

Der Spruch im Spruchband unterhalb der Pyramide "Novus Ordo Seclorum", bedeutet nicht - wie stets falsch übersetzt "Die Neue Weltordnung, sondern "die neue Ordnung der Zeiten".

Hierunter ist der Anspruch der US-Gründerväter zu verstehen, ein neues Zeitalter der Demokratie und Menschenrechte beginnen zu wollen, in dem jeder Mensch von Geburt an unveräußerliche Rechte haben sollte.

Quellen:

E34 Alexander Ecker: Recht und Rechtsgeschichte in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften von 1759 bis 1827. Universität Regensburg, Regensburg 2004 (Dissertation),
I21 http://www.illuminaten.org/
K28 Kraus, Andreas: Geschichte Bayerns. Von den Anfängen bis zur Gegenwart; 3. Auflage, München 2004, S. 350
P13 Daniel Pipes, Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen, Gerling Akademie Verlag, München 1998
R26 Jürgen Roth & Kay Sokolowsky: Der Dolch im Gewande. Komplotte und Wahnvorstellungen aus zweitausend Jahren. KVV Konkret, Hamburg 1999
S35 Hermann Schüttler (Hrsg.), Johann Joachim Christoph Bode: Journal von einer Reise von Weimar nach Frankreich. Ars Una, München 1994
W25 Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Verfassungsgeschichte; Bd.1, 2.Auflage, München 1989, S. 324.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 29. Januar 2010 um 15:00 Uhr  

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