Antifaschismus 2.0

Verschwörungstheorien und Faschismus im Web 2.0

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Faschismus 1.0

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Wir befassen uns hier mit politischen Bewegungen und Ideologien, die bestimmte Ähnlichkeiten mit dem historischen Faschismus haben, aber auch Unterschiede aufweisen. Daher ist es sinnvoll, zunächst nochmal zusammenzufassen, was den historischen Faschismus ausmachte und warum wir den Begriff nach wie vor für zeitgemäß halten.

Fangen wir damit an, was Faschismus nicht ist.

 

  1. Faschismus ist nicht ein Schimpfwort, um Andersdenkende zu beleidigen. Es ist ein politischer Begriff, der eine bestimmte Art von politischer Bewegung und Ideologie bezeichnet. Der Begriff selber ist umstritten. Speziell rechte und konservative Politologen lehnen ihn grundsätzlich ab. Daher muss man auch über den Begriff selbst und seine Berechtigung diskutieren. In jedem Fall ist eine sorgfältige Begriffsdefinition nötig.
  2. Nicht jeder der konservativ denkt oder gegen links ist gleich ein Faschist. Es gibt zwar Gemeinsamkeiten, aber im Unterschied zu Konservativen lehnen Faschisten eben nicht nur die linke Bewegung und Denkweise ab, sondern greifen zumindest verbal auch den bürgerlichen Staat und die parlamentarische Regierungsform an. Anders als Konservative, die meist nur für einen starken, repressiven Staat plädieren und auf Polizei und Justiz setzen, versuchen Faschisten ihren eigenen Paralllelstaat aufzubauen. Sie wollen die bürgerliche Staatmaschinerie zumindest teilweise durch eine von ihnen allein kontrollierte Gewaltmaschinerie ersetzen oder ergänzen.
  3. Nicht jeder Faschist ist ein Nazi. Man kann den Nationalsozialismus als eine besonders extreme Form des Faschismus verstehen. Andere wiederum vertreten die Auffassung, dass das Naziregime etwas völlig anderes, historisch einmaliges gewesen sei und nicht z.B. mit dem italienischen Faschismus unter Mussolini gleichzusetzen ist. Bis heute gibt es auch z.B. in Italien politische Bewegungen, die den historischen Faschismus rechtfertigen und verharmlosen, gleichzeitig sich aber vom Nationalsozialismus deutscher Prägung distanzieren. In jedem Fall bedeutet die Charakterisierung einer Bewegung oder Ideologie als faschistisch eben nicht, dass man sie automatisch auch mit Nazis gleichsetzt.

Was ist Faschismus nun

und warum halten wir diesen Begriff für eine sinnvolle Kategorie in der politischen Diskussion?

Die Faschisten waren ein Typus von politischer Bewegung, der vor allem in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in zahlreichen Ländern erfolgreich war. Er zeichnet sich aus durch

  • offene agressive Feindschaft gegenüber allem was links ist, gegenüber Gewerkschaften, Arbeiterbewegung, Sozialdemokratie, Kommunisten, Linksliberalen. Dieser Aspekt führt dazu, dass Faschisten sich häufig als Schlägertrupp gegen linke Bewegungen andienen und auch z.B. von Unternehmen, die mit ihren sonstigen Zielen nicht übereinstimmen, Geld und Unterstützung erhalten.

  • konservative zum Teil reaktionäre Vorstellungen von einem starken Staat, von "Recht und Ordnung", von einer Rückkehr zu längst überholten Formen der Gesellschaft, Kult der Familie, meist untergeordnete Stellung der Frau, die auf die Mutterrolle reduziert wird. Faschistische Vorstellungen sind dabei so übertrieben rückwärtsgerichtet und romantisierend, dass sie oft lächerlich wirken.

  • zumindest verbal scharfer Kritik an den Institutionen des bürgerlichen Staates und der parlamentarischen Demokratie. Diese werden als schwach, korrupt, verlogen, verdorben usw. geschmäht und abgelehnt. Dies hindert Faschisten aber nicht Positionen innerhalb dieses Apparats anzustreben und sich bei Gelegenheit mit Abteilungen dieses Staatsapparats zu verbünden.

  • Verschwörungstheorien, die erklären sollen, warum die Gesellschaft und der Staat sich in den Augen der Faschisten falsch entwickelt, warum traditionelle Werte im NIedergang sind, warum es zu Kriegen und wirtschaftlchen Krisen kommt, warum Menschen in Not geraten. Die Rolle der bösen Verschwörer, die angeblich hinter allem stecken, können dabei verschiedene Gruppen einnehmen. Der gegen Juden gerichtete "Antisemitismus" der Nazis ist dabei nur ein Beispiel. Faschismus muss sich keineswegs notwendigerweise gegen Juden richten, es können auch andere Gruppen oder frei erfundene Verschwörer ins Visier genommen werden.

  • Schaffung oder Propagierung eines bürgerkriegsähnlichen Zustand. Um ihre Ziele zu erreichen setzten Faschisten nicht nur und nicht in erster Linie auf Propaganda und Teilnahme an Wahlen und politischen Debatten. Vielmehr ist ihre Methode die Schaffung eines bürgerkriegsähnlichen Zustands, eines Systemzusammenbruchs. In so einer Situation hoffen sie dann, dass die Menschen sie als Retter akzeptieren und an die Macht bringen. Obwohl sie glauben, dass das ihnen verhaßte System von selbst zusammenbrechen wird, helfen sie gerne ein wenig nach. Zu diesem Zweck bauen sie meist organisierte Terrortrupps auf, Schlägerbanden, die den politischen Gegner (vor allem, aber nicht nur die Linken) in Kämpfe auf der Straße verwickeln und so ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit erzeugen sollen.

  • das Fehlen eines ausgefeilten Konzepts, was sie denn tun wollen, wenn sie an der Macht sind. Abgesehen von der Ausschaltung und letztlich physischen Vernichtung der Gegner haben sie nur Phrasen und ein Mischmasch von linken und rechten Ideen zu bieten. Letztlich betreiben faschistische Regimes an der Macht zwar mit großem Getöse scheinbar soziale Maßnahmen; diese halten aber bei näherem Hinsehen nicht, was sie versprechen. Die Macht von Unternehmen, Konzernen und Oberschicht wird nicht geschmälert sondern durch die Ausschaltung von Gewerkschaften und Opposition ausgebaut. Letzlich wird das "Führerprinzip" auch gerade in der Wirtschaft gewaltsam durchgesetzt.

  • das agressive Feindbild von Faschisten, das Linke, "Verschwörer", "Minderwertige" und andere verhaßte Gruppen zum Ziel hat. Dies führt schon in der Frühzeit einer solchen Bewegung zu Verbrechen. Angehörige von faschistischen Bewegungen neigen dazu, aus der Ideologie Taten zu machen. Faschisten greifen spontan oder organisiert Menschen, die dem Feindbild entsprechen, an bis hin zum Mord. Kommen Faschisten an die Macht kann sich das bis zum organisierten Massenmord an ganzen Bevölkerungsgruppen mit Hilfe des eroberten Staatsapparats steigern. Insofern ist Völkermord und Holocaust zwar nicht unbedingt eine zwangsläufige Folge, aber eine konsequente Steigerung des Wahns bis ins letzte Extrem.

  • Kriegsbereitschaft. Faschisten reden zwar gerne vom Frieden, letztlich halten sie ihn aber aufgrund der von ihnen fantasierten Verschwörungen für unmöglich. Da sie den bösen anderen und den angeblich von ihnen kontrollierten Staaten und Regierung stets böse Machenschaften und Kriegslüsternheit unterstellen, setzen sie selbst alles daran sich auf den Krieg vorzubereiten. Man kann Faschismus an der Macht sogar als die Verwandlung der ganzen Gesellschaft in eine einzige Kriegsmaschinerie begreifen. Ist dies einmal gelungen findet sich dann auch ein Anlass den Krieg zu beginnen, der - natürlich wieder begründet durch die "Bösartigkeit" des Gegners - mit rücksichtsloser Härte geführt wird.

Soweit eine Charakterisierung der historischen faschistischen Bewegungen und Regime. Davon ausgehend kann man diskutieren, inwieweit diese Kennzeichen des "Faschismus 1.0" auch auf heutige Bewegungen, speziell die bei wkw stark vertretene Verschwörungstheoretikerszene zutreffen (im Sinne eines "Faschismus 2.0") oder ob es sich hierbei um etwas ganz anderes handelt.

Ein Beitrag zu dieser Diskussion ist der Artikel "Faschismus 2.0" auf dieser Seite.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 17. August 2010 um 18:34 Uhr  

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Nein, wir haben sie nicht erfunden: die Satire als Mittel der politischen Auseinandersetzung mit menschenfeindlichen Ideologien, rechter Esoterik und Verschwörungstheorien.

 

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