Antifaschismus 2.0

Verschwörungstheorien und Faschismus im Web 2.0

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Wie faschistisch sind die Infokrieger?

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Die schmutzige Flut verschwörungstheoretischer Agitation, die von allerlei Spinnern und Sektierern im web 2.0 unter Selbstbezeichnungen wie „Infokrieger“ u.ä. verbreitet wird, hat mittlerweile unübersehbare Ausmaße angenommen.

Trotz der scheinbar dezentralen Form der Verbreitung in unzähligen Blogs und Foren handelt es sich um einen erstaunlich homogenen Diskurs. Dieser weist zahlreiche Strukturelemente auf, die sich auch schon im klassischen Faschismus finden:

- Manichäismus und Rückfall in mythisches Denken:
Es wird ein strikt dualistisches, schwarz-weißes Weltbild mit klarer Rollenverteilung zwischen Gut und Böse gezeichnet: „die Mächtigen“ gegen „das Volk“, „die da oben“ gegen den „kleinen Mann“, das herrschende Unheil gegen das verlorene Heil.

Die mit berückender Einfachheit scheinbar alles kohärent erklärende Kraft dieses mythischen Deutungsmusters bietet einen Ausweg aus der frustrierenden Mühseligkeit und Unzulänglichkeit rationaler Erklärungsversuche angesichts einer zunehmend unübersichtlichen und undurchschaubar erscheinenden Welt.


- moralisierender Voluntarismus und intelligenzfeindlicher Simplizismus:

Entsprechend der Aufteilung der Welt in Gut und Böse werden alle Weltprobleme als Ergebnis des bösen Willens der „Herrschenden“ interpretiert, da vermeintlich nichts geschieht, ohne auch so geplant und beabsichtigt zu sein. Komplexere Erklärungsmodelle werden als intellektuelle Spitzfindigkeiten und Verschleierungsversuche zurückgewiesen. Es geht den "Infokriegern" nicht um die Analyse gesellschaftlicher Strukturen und Prozesse, sondern um die Benennung von vermeintlich Schuldigen.

- gnostischer Mystizismus:
Die wahren Ursachen und Hintergründe des Weltgeschehens spielen sich angeblich im Verborgenen ab und erschliessen sich nur dem erleuchteten Blick des Eingeweihten, des „Wissenden“, der die „Wahrheit“ erkannt hat (damit meinen sie sich selbst und ihre Anhänger). Die Eingeweihten und Wissenden sehen sich folglich in der Position von Auserwählten, die eine Mission zu erfüllen haben.

Die seelische Befreiung aus Orientierungslosigkeit und Verzweiflung erfolgt durch die Einweihung in den alles erklärenden Mythos. Dieser wird aber nicht einfach verkündet, sondern mittels manipulativer Techniken (wie z.B. dem Stellen von Suggestivfragen) wird versucht die Intuition des zu Initiierenden so zu lenken, daß er "von selber" darauf kommt. Die befreiende Wahrheit soll nicht einfach geglaubt, sondern "geschaut" werden. Daraus ergibt sich eine Intensität der sujektiven Überzeugung, die die Infokrieger gegen rationale Kritik völlig immunisiert. Jeder Kritiker gilt ihnen als verblendeter Unwissender oder böswilliger "Wahrheitszerstörer".

Der quasireligiöse Charakter dieses Verschwörungsglaubens führt bei vielen seiner Anhänger zu einem aggressiven, sektenartigen Fanatismus.

 

- Irrationalismus:

Da letztlich jedes Ereignis als Resultat geheimer Machenschaften gedeutet wird, gelten „natürliche“ Erklärungen auf der Grundlage von Vernunft und Wahrscheinlichkeit als suspekt, entweder als Resultat einer von den geheimen Mächten im Hintergrund gewollten Täuschung oder als von ihren Agenten bewußt in die Welt gesetzer Teil ihrer Täuschungsstrategie.

Da jede Information als potentiell von den "Mächtigen" manipuliert gilt, sucht der „Wissende“  stets nach „alternativen“ Erklärungen, wobei auf Intuition und Spekulation als Erkenntnisinstrumente zurückgegriffen wird.

Eine Erklärung gilt als um so glaubwürdiger, je „alternativer“ sie ist, d.h. je mehr sie von dem abweicht, was allgemein als intellektuell akzeptabel gilt („Mainstream“). Je abwegiger, desto anziehender. Hauptsache die Story stützt den Mythos von der Weltverschwörung.

So schlägt ein paranoider Skeptizismus um in eine blinde Glaubensbereitschaft und letztlich in finstersten Aberglauben. Am Ende schrecken die Verschwörungstheoretiker nicht davor zurück, Glaubwürdigkeit vorzutäuschen, indem sie auf Lügen und Manipulation zurückgreifen und damit genau das tun, was sie den von ihnen angeblich bekämpften „dunklen Mächten“ unterstellen.

Dabei sind die sensationsheischend aufbereiteten, teilweise aufwendig konstruierten (um nicht zu sagen an den Haaren herbeigezogenen)  "alternativen" Erklärungen aller möglichen Tagesereignisse in ihrem Kern von ermüdender Eintönigkeit: alles Weltgeschehen wird (zum Unheil) gelenkt von einer bösen, verborgenen, zentralen Macht. Diese schlichte Botschaft ist das ganze "Geheimnis" hinter dem marktschreierischen Aufklärungsgehabe der "Infokrieger".

Der Diskurs ist immer aggressiv, polemisch, suggestiv und setzt nicht auf nüchterne Reflektion und rationale Analyse, sondern auf das massive Schüren von Emotionen wie Angst und Wut und erzeugt damit einen Nährboden für Verzweiflung und Gewaltbereitschaft.

Letztlich transportieren diese Texte eine Mentalität aus Welthaß und Lebensangst, die nicht nur an den Faschismus, sondern auch an die antike Gnosis erinnert. Diese Art von Reaktion auf die Erfahrung von Verwirrung und Unsicherheit in Zeiten von Krise und Umbruch ist also alles andere als neu. Allerdings erscheinen ihre heutigen Ausdrucksformen besonders plump und primitiv, wohl bedingt durch die niedrige Zugangsschwelle des Verbreitungsmediums.


- Sündenbockprinzip und (offener oder latenter) Antisemitismus:
Es gibt eine kleine Gruppe von Schuldigen, die für alle Probleme verantwortlich sind:
die sogenannten „Mächtigen“. Wenn es konkreter wird, wandert der Blick zu diversen vermeintlichen „Geheimgesellschaften“ und landet schließlich – ganz in der Tradition des klassischen Rechtsextremismus – bei den Juden (meist vorsichtshalber als „Zionisten“ umschrieben, um den Antisemitismusvorwurf zurrückweisen zu können).

- Paranoia und apokalyptischer Alarmismus:
Die angeblichen Geheimpläne der „Mächtigen“ zielen nicht nur auf die totale Unterwerfung, sondern sogar auf die Ausrottung und Vernichtung eines Großteils der Weltbevölkerung.
In den Texten der Infokrieger wird immer wieder vor angeblich unmittelbar bevorstehenden Katastrophen  gewarnt, denen alle zum Opfer fallen werden, die nicht entsprechend gewappnet sind.

Alles ist ihnen unheimlich und verdächtig. Die Welt erscheint diesen Neognostikern als eine permanente Manifestation der gefährlichen Macht des Bösen.
Buchstäblich alles gilt ihnen als bedrohlicher Bestandteil eines geheimen Menschheitsvernichtungsplans: angefangen mit praktisch sämtlichen aktuellen politischen Projekten und Maßnahmen,  über für sie unverständliche (und ihnen darum geheimnisvoll erscheinende) technologische Entwicklungen und Neuerungen,  bis hin zu pharmazeutischen und lebensmitteltechnischen Produkten aller Art; alles dient in ihren Augen nur dazu, sie heimlich zu vergiften, ihre Gedanken zu kontrollieren, sie zu manipulieren, zu knechten und letztlich zu vernichten. Kaum ein Thema erscheint in den Tagesnachrichten, das nicht umgehend von ihnen im Sinne ihrer Weltanschauung bearbeitet und verwurstet wird. Dabei vermischen sie diverse Bruchstücke der Realität mit allerlei paranoiden Phantastereien zu einem ziemlich ungeniessbaren, aber offenbar heftig berauschenden Cocktail.

- Elitebewusstsein, sektiererische Abschottung, Autoritarismus:

Da sie sich im Besitz der Wahrheit wähnen, sind sie Kritik und kontroverser Diskussion nicht zugänglich. Kritiker werden als Systemknechte und bezahlte Schreiberlinge denunziert und mit äußerster Aggressivität persönlich angegriffen. Allgemein anerkannte Informations- und Wissensquellen werden als „Mainstream“ abqualifiziert und der Lüge und Manipulation verdächtigt; als akzeptable Informationsquellen gelten in erster Linie die Internetseiten aus dem Umfeld der Bewegung; einschlägige Links gelten als Beweise; durch ständiges gegenseitiges Zitieren und Verlinken entsteht ein endloser selbstreferentieller Kreislauf.

- Demokratiefeindlichkeit:
Parlamentarismus, Pluralismus,Parteiensystem und repräsentative Demokratie werden radikal abgelehnt. Das herrschende politische System wird als Scheindemokratie dargestellt, die durch eine wahre Volksherrschaft abgelöst werden müsse.

- pseudoemanzipatorischer Populismus und Umwertung von Begriffen:

Das System der bürgerlichen Demokratie wird als "faschistisch" denunziert und der Kampf dagegen zum notwendigen Akt der Befreiung erklärt. Auf diese Weise erklären sich diese neuen Kryptofaschisten selbst zu Antifaschisten und weisen folgerichtig jeden Faschismusverdacht empört von sich. Die Naiven unter den Verschwörungsgläubigen meinen das sogar ernst. Manche von ihnen sehen sich subjektiv sogar als "eher links", fühlen sich als Teil der Antiglobalisierungsbewegung und verkaufen ihre NWO-Verschwörungstheorien als eine Form von Kapitalismuskritik. Leider wird heutzutage allzuoft vergessen, daß Kapitalismuskritik nicht per se als links gelten kann, sondern immer auch Bestandteil faschistischer Rhetorik war. Gerade in neuerer Zeit wird der Brückenschlag nach links zur Bildung einer "Querfront" in neofaschistischen Kreisen verstärkt propagiert und praktiziert. Die damit verbundenen scheinbaren Paradoxien werden durchschaubar, wenn man sich nicht von Begriffen irreführen lässt, sondern die tatsächlich im jeweiligen Kontext damit gemeinten Inhalte analysiert. Letztlich handelt es sich bei diesem Etikettenschwindel um eine taktische Notwendigkeit, um faschistisches Gedankengut trotz der Erinnerung an seine katastrophalen Folgen im 20. Jahrhundert wieder salonfähig machen zu können.

Die Idee, die Demokratie zu diskreditieren, indem man sie als Mittel zur heimlichen Vorbereitung einer globalen Diktatur denunziert, ist ebenfalls nicht neu. Schon die "Protokolle der Weisen von Zion" operieren mit diesem Trick, der den Kampf gegen die Demokratie als Verteidigung der Freiheit erscheinen läßt. Dieses Machwerk ist der historische Vorläufer und das idealtypische Musterbeispiel der verschwörungstheoretischen Weltanschauung wie sie in aktualisierter Form von den selbsternannten "Infokriegern" vertreten wird.

Auch wenn "Infokrieger" also gerne behaupten, sie kämpften doch für "die Wiederherstellung der Demokratie", so darf man das Entscheidende nicht übersehen: der demokratische Staat und seine Institutionen werden von ihnen samt der innerhalb dieses Systems praktizierten Formen demokratischer Willensbildung radikal abgelehnt. So wird auch durchaus berechtigte Systemkritik durch den verschwörungstheoretischen Diskurs der "Infokrieger" in eine hoffnungslose Sackgasse aus Totalverweigerung und extremistischer Fundamentalopposition gelenkt und dort mit einem unterschwellig faschistischen Weltbild verwoben. "Wiederherstellung der Demokratie" heißt für sie: Abschaffung des "Systems". Ihre Vorstellung von "Demokratie" ist eine Utopie von einer heilen Welt der Volksgemeinschaft, die nun mal in der geistigen Tradition des Faschismus steht, auch wenn viele heutige Verfechter dieser Vorstellungen offenbar tatsächlich zu einfältig sind, um diese Verbindung zu erkennen und deshalb den gegen sie erhobenen Faschismusvorwurf in aufrichtiger Empörung als unbegreifliche Infamie und böswillige Unterstellung zurückweisen.

Dabei sollte man nicht vergessen, zu differenzieren zwischen jenen "Infokriegern", die die einschlägigen Thesen lediglich rezipieren und als gläubige Propagandisten weiterverbreiten, und den Autoren, die diese Szene mit  Material versorgen. Letzteren wird man weniger Naivität unterstellen dürfen, zumal ihre Elaborate offenkundig ganz bewußt und skrupellos manipulatorisch angelegt sind.

- Totalitarismus:
Es wird so getan als gebe es so etwas wie einen einheitlichen „Volkswillen“. Demokratie sei erst dann gegeben, wenn dieser Volkswille umgesetzt werde. (Hier handelt es sich letztlich um das faschistische Modell eines autoritären Volksstaates.)
Unterschiede zwischen links und rechts werden geleugnet oder für irrelevant erklärt; immer wieder wird zur Einheit und Einigkeit des Volkes aufgerufen, ohne die es keine Lösung geben könne.

Zusammenfassend würde ich also die These wagen, dass wir es hier mit einer neuen, zeitgenössischen Form von Faschismus zu tun haben, die allerdings noch in den Kinderschuhen steckt und weder über nennenswerte organisatorische Strukturen noch über politiktaugliches Führungspersonal verfügt, die aber im wachsenden Kreis der sozial Entwurzelten und geistig Obdachlosen offenbar auf fruchtbaren Boden fällt und so zunehmend an Einfluß zu gewinnen scheint – mit ungewissen Folgen, die man aber durchaus nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte, angesichts des erstaunlichen Erfolges, den dieser hartnäckige "Kampf um die Köpfe" im Web 2.0 bereits zu haben scheint, wie die zunehmende Fülle des einschlägigen Materials anschaulich belegt.

 

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