Antifaschismus 2.0

Verschwörungstheorien und Faschismus im Web 2.0

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Gesell, Silvio

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Johann Silvio Gesell (* 17. März 1862 in Sankt Vith (heute Belgien); † 11. März 1930 in der Obstbau-Genossenschaft Eden bei Oranienburg) war Kaufmann, Finanztheoretiker, Sozialreformer und Begründer der Freiwirtschaftslehre.

 

Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Einordnung Gesells in diesen Kontext nicht unproblematisch ist. Naturgemäß gehört er nicht zu dem Netzwerk, das ich mit Faschismus 2.0 bezeichne und das interagierend die ansonsten hier dargestellten Personen einbezieht.
Andererseits spielen Gesell und seine Theorien in verschiedenen Zusammenhängen eine wichtige Rolle, sodass ich mich entschlossen habe, die Person, die speziell bei den so genannten Zinskritikern als Ideengeber aufgerufen wird, etwas näher zu beleuchten.

Es wird zu zeigen sein, inwiefern seine Theorien die Nationalsozialisten nicht nur beeinflusst haben, sondern er auch gezielt und konkret mit diesen kooperiert hat und wie sich seine Ideen in das nationalsozialistische Gedankengefüge einbauen ließen.
Auch heute wird Gesell insbesondere im rechtsesoterischen Raum verehrt und seine Ideen in die Kritiken am Zins- und Finanzsystem eingebaut, die letztlich darauf hinauslaufen, dass die Weltbevölkerung durch Agenten der NWO im Bündnis mit der "jüdischen Hochfinanz" mit Hilfe des Zins und Zinseszins-Systems geknechtet und ausgebeutet wird. Häufig wird die "jüdische Hochfinanz" nicht explizit erwähnt. Vielmehr werden Banken erwähnt, die an anderer Stelle als jüdisch dargestellt werden oder deren Charakter als jüdische Banken vorausgesetzt wird (struktureller Antisemitismus). (vgl. hierzu: Freiwirtschaftslehre)
Durch diesen Trick wird es den Zinskritikern dann auch möglich, den Vorwurf des Antisemitismus zurück zu weisen. Ja mehr noch. Der Vorwurf wird umgedreht: Derjenige, der den Zinskritikern den Antisemitismus unterstellt ist der Antisemit, weil der ja die Verbindung zwischen Juden und Zinsknechtschaft herstellt.

 

War Silvio Gesell Antisemit und Rassist?

Auch diesen Vorwurf weisen die Zinskritiker empört zurück.

Dabei räumen selbst Gesell-Anhänger, wie Onken ein, der Vorwurf, dass viele Anhänger Gesells mit den Nazis paktiert und ihre Nähe gesucht haben, „lässt sich leider nicht bestreiten: im historischen Kontext erscheint sie jedoch in einem differenzierteren Licht.“ (O04, S.9). Soll wohl heißen, man hängt halt  sein Fähnchen nach dem Wind, obwohl Gesell - wie weiter unten zu sehen sein wird - bereits 1919 und zu Beginn der 20er Jahre mit Leuten, die später eine wichtige Rolle bei den Nazis spielten (wie z.B. Feder) kooperierte.

Johannes Heinrichs warf dem Begründer der Freiwirtschaftlehre „durchaus so etwas wie einen Sozialdarwinismus“ vor. Darüberhinaus verteidige er die Grundgedanken des Manchester-Kapitalismus, die „natürliche Auslese der Fähigsten“ und einer daraus resultierenden „wirtschaftlichen Überlegenheit der Tüchtigsten“.(H11, S.49)

Der Ökonom und Politikwissenschaftler Elmar Altvater erkennt, dass in Gesells Geld- und Bodenreform „ein struktureller Antisemitismus angelegt“ sei. Das „freiwirtschaftliche Konzept“ sei „anschlussfähig an rassistische und antisemitische Positionen. (A13, S. 28, S. 3, S.19, S. 25 und S. 34 )

Onken weist die erhobenen Vorwürfe des Antisemitismus zurück. Andererseits räumt er aber ein, dass „Silvio Gesells Kapitalismuskritik nur in ihren Anfängen noch nicht frei von antisemitischen Ressentiments“ gewesen sei. So habe er beispielsweise bedauerlicherweise „den Geldwucher nochmals mit den Juden assoziiert“. (O04, S.9)

Doch es gibt noch andere Zitate und Handlungsweisen Gesells, die ihn in die Nähe der Nazis, des Antisemitismus und des Rassismus rücken wie zu zeigen sein wird.
Im Rahmen seines Freilandprojektes, bei dem es keinen Privatbesitz an Land mehr geben soll, sondern der Staat Land an Interessenten verpachten soll, sollen Gruppen wie z.B. Zigeuner ausgeschlossen werden und äußerte die Besorgnis, "die Neger könnten eines Tages die Oberhand bekommen".(vgl. G12, S.63)

In "Die natürliche Wirtschaftsordnung" (1911) versuchte Gesell vor allem, Marx zu widerlegen.
Während bei Marx die Ausbeutung des Menschen im Produktionsprozess im Mittelpunkt steht, und der Kapitalist den so entstehenden Mehrwert akkumuliert, liegt für Gesell in der Tradition von Pierre-Joseph Proudhon (1809-65) das Problem in der Geldzirkulation. Schuld an der Lähmung von Produktion und Austausch seien die Geldbesitzer, die das Geld horten, um Zinsen zu erlangen. (G12, S.3 ff.)
Gesell definiert Arbeiter so: "...jeder, der vom Ertrag seiner Arbeit lebt, Bauern, Handwerker, Lohnarbeiter, Künstler, Geistliche, Soldaten, Offiziere, Könige sind Arbeiter in unserem Sinne. Einen Gegensatz zu all diesen Arbeitern bilden in unserer Volkswirtschaft einzig und allein die Rentner, denn ihr Einkommen fließt ihnen völlig unabhängig von jeder Arbeit zu." (ebd. S. 10)
Mit Rentner meint er die Personen, die vom Kapitalzins leben.

Gesells Gesellschaftsutopie gründet auf drei Säulen: Freiland, Freihandel und Freigeld. Privateigentum an Land wird abgeschafft, Das Land vom Staat an den meistbietenden verpachtet. Ausdrücklich soll "der Tüchtigste" auch den größten Vorteil haben. So käme es zu einer "natürlichen Auslese". Staaten, die sich weigerten, so zu verfahren, würden "die Arbeitsscheuen der ganzen Welt ins Land ziehen... Alle Bummler, Sonnenbrüder und Zigeuner würden dorthin ziehen, wo man die Bodenschätze an das Ausland mit Renten belastet abgibt." (ebd. S.70).

Doch Freiland allein könne die Krisen des Kapitalismus nicht lösen. Das Problem liege nicht - wie Marx definiert - im Produktionsprozess sondern im Warenaustausch, weil dieser über das Tauschmittel "Geld" funktioniere. Dies produziere eine notwendige Nachfrage nach Geld. So verlegt Gesell die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen von der Produktion hin zum Waren- und Geldaustausch und schafft den Gegensatz von schaffendem (guten, arischen) und raffendem (bösen, jüdischen) Kapital, bei dem Jeder Jeden betrügt. (ebd. S. 130 ff)

Dass Geld überhaupt gehortet werden kann, liegt nach  Gesell an der Tatsache, dass Geld nicht - wie Lebensmittel - verfaule. Deshalb müsse man einen Mechanismus einführen, der dazu führe, dass Geld roste (Schwundgeld). Dadurch würden die Geldbesitzer gezwungen, ihr Geld so schnell wie möglich wieder in Umlauf zu bringen. (ebd. S. 194 ff)

Gesell, wie auch seine modernen Anhänger übersehen dabei allerdings, dass Geld durchaus  an Wert verlieren kann, durch Inflation, Geldentwertung, Wechselkursschwankungen usw.
Hinzu kommt, dass sich der Schwund nur auf Barbestände bezieht. So verloren auch beim Paradebeispiel der Gesellianer, dem Schwundgeld-Experiment in Wörgl/Tirol, zwar die Menschen ihr Bargeld, Kapitalguthaben und insbesondere Produktionsmittel wurden aber nicht angetastet. Das heißt, Lohnabhängige wurden hier doppelt ausgebeutet, während die Kapitalisten entsprechend doppelt profitierten.(vgl. S17, S. 258)

Sein sozialdarwinistischer Ansatz wird deutlich, wenn er schreibt, dies sei "eine Ordnung, in der die Menschen den Wettstreit mit der ihnen von der Natur verliehenen Ausrüstung auf vollkommener Ebene auszufechten haben, wo darum dem Tüchtigsten die Führung zufällt, wo jedes Vorrecht aufgehoben ist und der Einzelne, dem Eigennutz folgend, geradeaus auf sein Ziel lossteuert, ohne sich in seiner Tatkraft durch Rücksichten ankränkeln zu lassen..." (G12, S.XVII)
Die Schwachen bleiben auf der Strecke!

Dass er darüberhinaus mit seinen Ideen aber auch Eugenik pur betreibt, wird klar, wenn er fortfährt: "(...) Doch steht es außerhalb jedes Zweifels, daß der freie Wettbewerb den Tüchtigen begünstigt und seine stärkere Fortpflanzung zur Folge hat." (ebd., S.XX f., ebenso: S17, S.214, S.218, in der Anmerkung 255 wird wieder Konrad Lorenz positiv zitiert, ohne Wettbewerb keine "selektiven Vorteile").

Eine solche "Rassenpolitik", schreibt Gesell, "darf nicht an Staaten, Landesgrenzen, an Staatsgesetze gebunden werden. Rassenpolitik ist ureigene Angelegenheit jedes einzelnen Menschen". Es folgt ein antisemitisches Stereotyp: "Das einzige Volk, das seit Jahrtausenden beharrlich Rassenpolitik treibt, die Juden, hat überhaupt kein eigenes Land, und kennt die Staatshoheit nicht." (ebd., S.64)
Seine Geldreform "macht es unmöglich, daß jemand erntet ohne zu säen, und die Juden werden durch dieselbe gezwungen werden, die Verwerthung ihrer großen geistigen Fähigkeiten nicht mehr im unfruchtbaren Schacher zu suchen, sondern in ... der ehrlichen Industrie."(G13, S.158)

Auch Feders flammender Aufruf zur Brechung der Zinsknechtschaft, der auch in Hitlers Mein Kampf mehrfach lobend erwähnt wird, ist maßgeblich von Gesell beeinflusst und bildete eine der Grundlagen für die ökonomische Begründung des nationalsozialistischen Antisemitismus (F09), was Feder freilich nicht hinderte sich mehrfach abfällig über Gesell zu äußern.

Und so erklärte er auch seine Mitwirkung in der Münchener Räterepublik damit, "er wollte den Kommunismus mattsetzen... Gesell erblickt im Kommunismus das Übel aller Übel... er vertritt statt dessen den ausgesprochensten - bisher noch nie verwirklichten wirtschaftlichen Individualismus", mitgemacht habe er nur, um "seine Idee selbst noch in letzter Stunde zur Rettung des deutschen Volkes zu verwirklichen" (E20, S.38 ff.).

Auszüge aus seiner damaligen Verteidigungsrede:

.. Daß diese Räteregierung mich als Finanzmann erwählte, war für mich ein Beweis, daß es sich nicht oder noch nicht um Bolschewismus oder Kommunismus handelte .. Denn eine Teilung des Volkes in hohe, mittlere und niedre Schichten bedeutet völkischen Verfall. Völkisches Empfinden duldet keine Zinsknechtung anderer oder gar die Beteiligung daran. Wer noch etwas rassisches, völkisches Empfinden verspürt, der gehe in sich, tue Buße; der gestehe, daß er und seine Ahnen Verrat begingen am eigenen Volk, am eigenen Blut. .. Irgend ein Verrat an Parteibestrebungen lag hier nicht vor. Niekisch und Landauer, die meine Wahl vorgeschlagen, wußten, was sie taten, wußten, daß ich keine Puppe bin. Sie kannten meine Ziele, die den Kapitalismus, die Zinsknechtschaft bekämpfen, aber eben so sehr den Kommunismus, die Gemeinwirtschaft. ..

 

Quellen:

A13 Elmar Altvater, Eine andere Welt mit welchem Geld?, in: Wissenschaftlicher Beirat von Attac-Deutschland (Hg.), Globalisierungskritik und Antisemitismus – Zur Antisemitismusdiskussion in Attac (Reader Nr. 3), Frankfurt 2004
E20 Rolf Engert, Silvio Gesell in München 1919, Hannoversch-Münden, 1986
F09 Gottfried Feder: Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes. Huber, Diessen 1919
G12 Silvio Gesell, Die natürliche Wirtschaftsordnung, 4. überarbeitete Auflage, Gesammelte Werke, Bd.20, Lütjenburg, 1991
G13 Gesell, Nervus rerum - Fortsetzung zur Reformation im Münzwesen, S.140f., in: Gesell, 1988, nach Oliver Geden, Rechte Ökologie, Berlin, 1996
H11 Johannes Heinrichs, Sprung aus dem Teufelskreis, Steno Verlag 2005
O04 Werner Onken, „Für eine andere Welt mit einem anderen Geld“, Beitrag zur Attac-Sommerakademie am 1. August 2004 in Dresden

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 11. Dezember 2009 um 14:52 Uhr  

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