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Start Verschwörungsideologien Finanzen und Wirtschaft Die Kapitalismuskritik der dummen Kerle*

Die Kapitalismuskritik der dummen Kerle*

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Infokrieg und Zinskritik

Verschwörungstheorien rund um´s Geld

Im Zuge des gesteigerten allgemeinen Interesses an ökonomischen Fragen in Folge der jüngsten Finanzkrise hat sich auch die verschwörungstheoretische Szene rund um die sogenannten „Infokrieger“ verstärkt wirtschaftlichen Themen zugewandt.

Die einschlägigen Texte und Videos kreisen vor allem um folgende Schwerpunkte:

1.Dämonisierung des Zinses

Der Zins gilt ihnen als eine durch nichts zu rechtfertigende Erfindung skrupelloser Wucherer. Ein typisches Beispiel lautet: „Wenn mir jemand 20 Äpfel leiht, warum soll ich ihm dann 21 zurückgeben? Das ist ungerecht.“

Dass Zins nichts anderes ist, als ein Ausdruck der Kapitalakkumulation, also der kapitalistischen Wertschöpfung und der mit ihr verbundenen betriebswirtschaftlichen Rationalität, wird von diesen Wirtschaftsromantikern überhaupt nicht verstanden.

Unfähig zur Abstraktion, vermögen sie offenbar nicht, die Zusammenhänge zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft zu erkennen. Stattdessen unterscheiden sie, ganz wie die Nationalsozialisten, zwischen gutem „schaffenden Kapital“ und schlechtem „raffenden Kapital“.

Der Zins gilt ihnen als Ursprung und Quelle aller Ausbeutung.

Das Bild vom blutsaugerischen jüdischen Wucherer steht hier, wenn auch meist unausgesprochen, im Hintergrund, weswegen man diesen Theorien mit gutem Grund strukturellen Antisemitismus vorgeworfen hat; ein Vorwurf, der allerdings von den meisten dieser simplen Gemüter wegen seiner Abstraktheit überhaupt nicht verstanden und empört zurückgewiesen wird. Wörter wie „strukturell“ oder „Subtext“ überschreiten ihren Horizont und sie reagieren verständnislos mit der Frage: „Wer hat denn da von Juden gesprochen?“ Das zugrundeliegende Sündenbock-Prinzip an sich wird natürlich nicht als problematisch erkannt, da es ja den Kern und den Reiz verschwörungstheoretischen Denkens ausmacht.

2. Dämonisierung der Banken

Als Quelle alles Bösen gilt ihnen die „internationale Hochfinanz“ (ebenfalls ein traditionelles antisemitisches Schlagwort). Im Mittelpunkt ihrer diesbezüglichen Dämonologie steht die amerikanische FED. Wieder und wieder wird behauptet, die allgemein bekannte Tatsache, daß sich die FED formal in Privatbesitz befindet, sei eine sensationelle Enthüllung, ja sogar „das bestgehütete Bankgeheimnis der Welt“ (Bernd Senf). In diesem Zusammenhang werden dann oft gleich mehr oder weniger erfundene Listen der angeblichen Besitzer aufgeführt, die natürlich größtenteils erkennbar jüdische Namen tragen.

Dann wird allen Ernstes suggeriert, die FED verfüge über das Privileg, in beliebiger Menge Geld drucken zu lassen (das durch nichts gedeckt sei) und dieses dann an den Staat zu verleihen, der dafür Zinsen zahlen müsse. Alles als Währung im Umlauf befindliche Geld sei so „aus dem Nichts geschaffen“ worden. Dies sei für die „Besitzer“ der FED eine unerschöpfliche Einnahmequelle, für den Staat aber der Ursprung einer stetig wachsenden Verschuldungsspirale, da er stets mehr zurückzahlen müsse, als er bekomme, wodurch die Verschuldung immer nur wachsen könne. Auf diese Weise würde letztlich das ganze Volk, ja die ganze Menschheit von den „grauen Eminenzen“ der „internationalen Hochfinanz“ versklavt und ausgeblutet.

Tatsache ist, dass die FED ein teils privates, teils staatliches Bankenkonsortium ist (ein kompliziertes System aus 12 regionalen FEDs, in denen alle bundesweit tätigen US-Banken mit einer Einlage von 3 % ihres Eigenkapitals Pflichtmitglied sind. Sie erwerben damit aber kein Gewinnbezugsrecht, da die Gewinne der FED in die Staatskasse fließen. Es handelt sich also eher um eine Mitgliederorganisation als um eine Eigentümergesellschaft). Gesteuert wird das FED-System durch ein von der US-Regierung ernanntes „Board of Governors“. Somit wird die politische Unabhängigkeit des Zentralbaksystems gewährleistet und dennoch untersteht es einer öffentlichen Kontrolle.

Tatsache ist natürlich auch, dass Geldschöfpung nicht nach der Milchmädchenvorstellung stattfindet, dass die FED einfach nach Lust und Laune Geld drucken lässt, um sich an den Zinsen zu bereichern.

Tatsache ist auch, dass die Erlöse der FED nach Abzug aller Kosten an das US-Finanzministerium fallen und dass also die verschwörungstheoretische Darstellung der Ausbeutung des Staates durch die FED nichts anderes ist als eine schlecht erfundene Horrorstory.

Aber um Tatsachen geht es den Infokriegern nun einmal nicht, und schlecht erfundene Horrorstories sind ihr Spezialgebiet.

3. Dämonisierung des Geldes

Ein weiteres Standardmotiv im Repertoire der „Infokrieger“ ist die Forderung nach einer Rückkehr zu einer goldgedeckten Währung bzw. die Aufforderung sein Vermögen in Edelmetallen anzulegen, da nur diese einen „realen“ Wert hätten.

Der abstrakte Charakter des Geldes als allgemeines Äquivalent übersteigt nämlich ebenfalls ihr Auffassungsvermögen. Dass Geld nichts anderes ist als ein Maßstab, ein reines Zeichen, und dass sein Wert immer nur ein symbolischer ist, unabhängig von seiner physischen Substanz, leuchtet ihnen nicht ein. Die Goldmünze in der Hand erscheint ihnen als konkreter, realer, unverlierbarer Wert, während „bedrucktes Papier“ (von nur noch digitalem Buchgeld ganz zu schweigen) nichts sei als eine Lüge, mit der das einfache Volk von den skrupellosen Bankiers betrogen werde. Diese hätten nämlich die realen Werte (das Gold) in ihren Tresoren gehortet, während der „kleine Mann“ nach einer der regelmässig von den „Mächtigen“ zu ihrem Vorteil inszenierten Geldentwertungen mit leeren Händen dastehe.

4. Kleinbürgerlicher Sozialismus:
die reaktionäre Utopie einer heilen Welt des befreiten und gerechten Marktes:

Als Universalheilmittel und Schlüssel zur Lösung aller wirtschaftlichen Probleme propagieren die „Infokrieger“ vor allem 2 Konzepte:

a) Die Einführung eines Schwund- oder Freigeldes (oft in Form eines Regiogeldes propagiert) nach den Konzepten von Silvio Gesell:

Durch die Einführung eines zinsfreien Geldes, das durch regelmäßiges Abstempeln kontinuierlich an Wert verliert und deshalb schnellstmöglich ausgegeben werden muss, soll die Bildung von Geldvermögen („Geldhortung“) verhindert und der Kreislauf des Warentauschs in Gang gehalten werden. Nach Gesells Vorstellungen werde dadurch „Schmarotzertum“ durch Zinseinnahmen verhindert und damit die Ungerechtigkeit des Kapitalismus beseitigt, indem durch eine maximale Entfesselung der Konkurrenz stets „der Tüchtigste“ zu seinem Recht komme. Neben dem Konkurrenzfetisch huldigen die Gesellianer auch dem Arbeitsfetisch: frei nach dem Motto „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ geht es ihnen um die Abschaffung arbeitslosen Einkommens. Dabei spart Gesell nicht mit antisemitischen Klischees: Seine Geldreform mache es „unmöglich, daß jemand erntet ohne zu säen, und die Juden werden durch dieselbe gezwungen werden, die Verwerthung ihrer großen geistigen Fähigkeiten nicht mehr im unfruchtbaren Schacher zu suchen, sondern in ... der ehrlichen Industrie."(Gesell, Nervus rerum - Fortsetzung zur Reformation im Münzwesen, Buenos Aires 1891)

Es handelt sich bei dieser naiven Sichtweise um eine typische Kleinbürgerperspektive:

Der Zwang zur Warenproduktion sowie die totale Vermarktung werden nicht problematisiert, solange man nur selber eine „faire“ Chance auf diesem Markt hat, getreu dem Spiesser-Credo: „Jeder ist seines Glückes Schmied“.

Diese kleinbürgerliche Kapitalismuskritik zielt nicht auf eine kritische Hinterfragung der Prinzipien und Mechanismen der Marktwirtschaft, sondern auf ihre Befreiung von (dem kleinbürgerlichen Gerechtigkeitsempfinden zuwiderlaufenden) „störenden“ Eingriffen „von oben“, durch die verhassten „Grossen“ bzw. „die Mächtigen“, d.h. durch Staat, Banken und Konzerne.

Hier wird die proudhonsche Utopie einer im Grunde vormodernen Gesellschaft von freien Kleinproduzenten wiederbelebt, unter völliger Verkennung der Komplexität moderner Gesellschaftsstrukturen und globaler wirtschaftlicher Verflechtungen.

b) Die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE):

Dies ist eine der populistischen Ideen, die die Verschwörungstheoretiker nicht selbst entwickelt, sondern von anderen übernommen haben, um auf dieser Grundlage bündnisfähig zu erscheinen und potentielle Sympathisanten zu gewinnen, bei denen sie auf Aufgeschlossenheit auch für ihre sonstigen Vorstellungen zu stoßen hoffen.

Da sie diese Idee nur als Trittbrettfahrer nutzen, sie aber nicht selbst entwickelt haben, soll hier auf eine weitergehende Diskussion dieses komplexen Themas (wie zum Beispiel die möglichen Auswirkungen auf Löhne und Preise) verzichtet werden, da diese den Rahmen dieses kurzen Artikels sprengen würde.

Natürlich passt ein solches Konzept auch gut in die Vorstellungswelt von Menschen, die von einem naiven Geld-, Waren- und Marktfetischismus durchdrungen sind und denken, das Geld sei lediglich aufgrund der unmoralischen Gier und der dunklen Machenschaften der „Mächtigen“ nicht „gerecht“ verteilt und es genüge, diesen das Handwerk zu legen, um eine heile Welt zu schaffen.

In den Köpfen der Verschwörungstheoretiker wird die tatsächliche eigene politische und ökonomische Machtlosigkeit kompensiert durch die tröstliche Vorstellung, wenigstens den überlegenen Durchblick zu haben und im Besitze rettender Patentlösungen zu sein, die lediglich wegen der Schlechtigkeit der „ReGIERenden“ (unter Infokriegern beliebte Schreibweise) nicht angewendet werden.

Die undurchschaubar komplexen und dadurch bedrohlich wirkenden Verhältnisse in der modernen Welt werden mittels einfacher Scheinerklärungen wenigstens imaginär beherrschbar und verlieren dadurch ein wenig von ihrer Bedrohlichkeit. Die Anziehungskraft von Verschwörungstheorien beruht auf der seelischen Entlastung, die sie vermitteln.

Als Teil einer imaginären Volksgemeinschaft gemeinsam einsam sitzen diese Poujadisten des Cyberspace dann vor ihren Computertastaturen und berauschen sich an markigen Aufrufen zum Aufstand des „Volkes“ gegen „die da oben“.

Zusammenfassend lässt sich sagen, daß die Infokrieger auch auf wirtschaftlichem Gebiet in einer von kindlicher Naivität geprägten, reaktionär-utopischen Kirchturmperspektive verharren, die - wie ihre sonstigen Theorien auch – dominiert wird von einer ressentimentgeladenen, manichäischen Weltsicht, die, insbesondere in ihrem strukturellen Antisemitismus, in vieler Hinsicht an die Faschismen des 20. Jahrhunderts erinnert.

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* Anmerkung:

Der Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerle. Das heißt: Wer im Geist zu schlicht ist, um den Sozialismus zu begreifen, der hält es dann lieber mit dem Antisemitismus, denn der ist etwas für die Doofen. (August Bebel)

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 13. Dezember 2009 um 15:32 Uhr

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"Von Zeit zu Zeit muß man sein Ohr am Volke haben, um zu lauschen, ob die eigenen Vorstellungen den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen dieses Landes entsprechen." So beginnt ein Aufruf auf der NPD-Website, mit dem "alle gutwilligen Weggefährten" aufgefordert werden, mitzuteilen "in welchem Bereich mit welchen Mitteln welches Ziel erreicht werden kann".

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