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Was ist so schlimm an Sarrazin

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Thilo Sarrazin, Noch-SPD-Mitglied und Vorstand der Bundesbank, polarisiert die Nation. Während die einen ihm bescheinigen, endlich auszusprechen, was die Bevölkerung beschäftigt, attestieren ihm die anderen unbeschönigte Volksverhetzung. Doch was ist an seinen Aussagen denn nun so gefährlich?  


 

Die Nation steht Kopf. Thilo Sarrazin hat mal wieder eine seiner umstrittenen Thesen publiziert und, unterstützt von populären Magazinen, bundesweit gestreut. Nach seinen Aussagen über Muslime, die generell arbeitsscheu und faul seien und dümmere Kinder als Deutsche hätten, stellte er nun eine neue These auf: Es gäbe Gene, anhand derer Angehörige von Völkergruppen identifiziert werden könnten.

Mit seinen Aussagen über die Differenzen zwischen Volksgruppen und Angehörigen ethnischer Gruppierungen scheint er indessen den Nerv des Volks zu treffen. Besonders die Angehörigen der bildungsferneren Schichten (www.stern.de) stimmen ihm  zu.

Warum also ist es so schlimm, dass endlich einer ausspricht, was die Nation zu denken scheint?

Der Begriff „Rasse“

Immer wieder stößt man in Diskussionen – besonders in freien Foren und Gruppen, in Blogs und Newsrooms, aber auch im persönlichen Gespräch auf die Auffassung, es gäbe unterschiedliche Rassen und diese seien genetisch verankert und feststellbar. Menschen, die sich nie wissenschaftlich mit den belegbaren Hintergründen beschäftigt haben, vertreten diese Ansicht, weil es für sie offensichtlich zu sein scheint, dass Angehörige anderer ethnischen Gruppierungen nun einmal anders aussehen. In der Regel haben sie eine andere Religion, Mentalität und Kultur. Daraus leitet sich für viele schon auf den ersten Blick kausal ab, dass diese Menschen selbstverständlich unterschiedliche Gene haben müssen, dass sie anders sind. Warum sollte es gefährlich oder falsch sein, so etwas zu bemerken und auszusprechen? Die Meinung, gestützt von den neuesten Aussprüchen Sarrazins macht die Runde: Warum sollte man nicht konstatieren, dass es unterschiedliche Rassen gibt? Mit anderen Worten: Der Begriff der Unterteilung des Menschen in Rassen soll wieder hoffähig gemacht und als Kriterium etabliert werden. Was ist daran falsch?

Der Begriff „Rasse“ hat eine lange Entstehungsgeschichte und wurde im „wissenschaftlichen“ Sinn als willkürlich gewählte Kategorie schon im 18. Jahrhundert geprägt. Er diente der Taxonomie, also der schematisierten Einteilung von verschiedenen Gruppen und wurde zunächst auf die Tierzucht angewendet. Doch schon bald begann man – gerade im Zuge der Aufklärung – diesen Begriff auszuweiten und, den Menschen als Tier betrachtend, auch ihn mit in diese Kategorie reinzunehmen. Schon nach kurzer Zeit trug diese Vorgehensweise seltsame Früchte und artete zunehmend in angewandte Fremdenfeindlichkeit aus. „Rasse“ als Gliederung von Menschengruppe meinte im fortschreitenden Maß nicht nur eine Einteilung nach äußerlichen Kriterien, sondern eine Einteilung nach Eigenschaften. Schon im Jahre 1775 beschrieb Johann Caspar Lavater mit seiner Theorie der „Physiognomik“, man könne Charaktere anhand des Aussehens erkennen – eine Theorie, die die Nazis nur allzu gerne in ihre Rassenideologie einbauten. Wohin eine solche Einteilung, Kategorisierung und willkürliche Zuordnung führt, wurde spätestens mit dem massiven Aufkommen des unbeschönigten Rassismus des dritten Reichs deutlich.

 Bereits 1938 analysierte Magnus Hirschfeld in „Racism“ den Grund dafür: Das Gefühl der Ohnmacht und der Bedrohung in einem Volk in Zeiten einer Katastrophe äußert sich im Ventil des Rassismus. Ein ungefährlicher Feind muss her, der leichter zu besiegen ist und damit wieder für eine Steigerung der Selbstachtung sorgt. Vereinfacht ausgedrückt kann man es auch „Sündenbock“ nennen. Basierend auf einer Theorie, die bescheinigt, es gäbe unterschiedliche „Rassen“ unter den Menschen – also Gruppen, die sich von anderen Gruppen nicht nur im Aussehen, sondern vor allem in den Eigenschaften unterscheiden - , unterstützt von seltsamen Hypothesen, nach denen man Menschen aufgrund ihres Aussehens bestimmte Eigenschaften unterstellen kann und bedingt durch eine nationale Katastrophe fand der Rassismus in Deutschland fruchtbaren Boden.

Thilo Sarrazin

Das wissenschaftliche Aus des Rassenbegriffs

Spätestens seit dem Holocaust und den schlimmen Folgen der Rassenideologie der Nazis wurde klar, dass diese Theorie und vor allem ihre Anwendung im höchsten Grade gefährlich und problematisch ist. Dabei ist die Rassentheorie sicher nur die Grundlage – doch ihre fast logische Konsequenz, nämlich der wertende Rassismus, führt fast automatisch zu Unterdrückung, Ausgrenzung und Verfolgung.

Und seit den 70er Jahren hat die Rassentheorie auch keine wissenschaftlichen Grundlagen mehr – einmal aufgrund der Verschwommenheit und Ungenauigkeit des Begriffs Rasse, der nicht einmal mehr auf verschiedene Tiergruppen angewendet wird und dann aufgrund der Erkenntnisse der modernen Genetik.

Denn diese zeigt gerade, dass es keine signifikanten genetischen Unterschiede zwischen Angehörigen verschiedener Volksgruppen oder ethnischen Gruppierungen gibt:

 (http://raceandgenomics.ssrc.org/Lewontin/)

"Der genetische Unterschied zwischen 2 Menschen aus verschiedenen Ländern eines Kontinents ist nur um 7% größer als der zwischen 2 Menschen aus dem gleichen Land. Selbst der Unterschied zwischen einem zufällig gewählten Afrikaner und einem Europäer ist im Durchschnitt nur um 15 % größer als der zwischen 2 Menschen aus dem gleichen Dorf !"

(http://www.akdh.ch/ps/ps_82Ausnahmen-Rgel.html)

Im Gegenteil – es kann sogar vorkommen, dass zwei Angehörige innerhalb derselben Population größere genetische Unterschiede aufweisen, als zwei Vergleichspersonen aus verschiedenen Populationen – das Ergebnis jahrhundertelanger Bewegung und Vermischung, die es in den letzten paar hundert Jahren unmöglich machte, dass sich Menschen weit genug differenzieren können, um verschiedene Arten zu bilden.

Ganz abwegig erscheint vor diesem Hintergrund der Versuch, Eigenschaften von Menschen an der Zugehörigkeit zu einer bestimmten „Rasse“ festzumachen. Der Genetiker Markus Hengstschläger führt dies ausführlich aus:

http://kurier.at/nachrichten/2028114.php

Was also will Herr Sarrazin?

Vor dem Hintergrund der Geschichte und der wissenschaftlichen Fakten stellt sich die berechtigte Frage: Warum besteht Thilo Sarrazin heutzutage darauf, dass es signifikante Unterschiede zwischen verschiedenen ethnischen Gruppierungen gibt, die sich auch auf deren Eigenschaften und Fähigkeiten ausdehnen? Warum versucht Herr Sarrazin, den Rassenbegriff durch die Hintertür einer falsch verstandenen Genetik, die sich wissenschaftlich auf dem Stand des letzten Jahrhunderts befindet, erneut zu etablieren. Und warum geht er sogar noch einen Schritt weiter und bescheinigt den Angehörigen der als different markierten Gruppierungen unterschiedliche Eigenschaften und Fähigkeiten – bedient also direkt den Rassismus?

Kopftuchmädchen zerstören BerlinDie ungeheure Popularität, die seine Aussagen in der Bevölkerung genießt, die Zustimmung, die Thilo Sarrazin gerade von solchen Leuten erhält, die keinen wissenschaftlich orientierten, sondern einen erlebnisorientierten Hintergrund haben, lässt vermuten, dass nun wieder zum Tragen kommt, was Magnus Hirschfeld schon vor so langer Zeit diagnostizierte.

Wir befinden uns in einer Krisensituation. Die Nation erlebt einen Zustand von Ohnmacht und wirtschaftlicher Bedrohung – in Folge der Rezession, der aktuellen Politik der Bundesregierung, der Hartz IV -Gesetzgebung und anhaltend hoher Arbeitslosigkeit liegt die einfache Lösung wieder einmal nahe. Den Feind in den eigenen Reihen zu identifizieren.

Solange ein solches Vorgehen öffentlich als rassistisch, unmenschlich und unsozial gebrandmarkt ist, solange Menschen eine natürliche Scheu davor haben, auszusprechen, was sie „wirklich“ denken, was sich auf kausal einfachstem Weg zu ergeben scheint, solange besteht die Chance, den Menschen zu erklären, welche Ursachen die Misere wirklich hat. Das ändert sich ganz erheblich, wenn eine prominente Person die Ängste und einfachen Vorstellungen der Menschen, ihre Neigung, sich einen Sündenbock zu suchen, bedient. Wenn die rassistischen und unwissenschaftlichen Ansichten dieser Person mit Hilfe viel gelesener Magazine weit gestreut werden. Wenn ein Herr Sarrazin, weitgehend wissenschaftlich unkommentiert, haarsträubende und unhaltbare Hypothesen aufstellt, die aber so von einer großen Anzahl Menschen „geglaubt“ werden.

Über die moderne Genetik und dennoch nicht von ihr gestützt etabliert Thilo Sarrazin in unserer Gesellschaft aufs Neue den Rassen-begriff und erntet Lob von der Bevölkerung, die aufatmend endlich den leichten Weg einschlagen möchte. Dabei ist der Widerstand etablierter Politiker Öl in die Flammen – denn in Volkesmeinung sind es ja gerade jene, die das Land in die Krise geführt haben. Herr Sarrazin schürt Unzufriedenheit und Unmut, er bietet scheinbare Lösungen und pseudowissenschaftliche Erklärungen an und wird bei der Verbreitung seiner abenteuerlichen Hypothesen von den Medien teilweise unterstützt.

Das ist geistige Brandstiftung und ähnelt auf erschreckende Weise den Vorgängen vor 70 Jahren, als schon einmal festgestellt wurde, dass es eine Gruppe gibt, die schuld am Untergang der deutschen Nation ist.

Besonders erschreckend in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass es wieder die Juden sind, die Herr Sarrazin da als exemplarisches Beispiel aufführt.

 

 

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 02. September 2010 um 11:15 Uhr  

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Einen Reader zum Workshop "Faschismus 2.0 - Faschistische Bestrebungen im WEB 2.0" beim Kongress Mannheim gegen Rechts hat die Redaktion Anti - Faschismus 2.0 zusammengestellt.

 

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